Bootshaus des Segler-Club-Hansa von 1898 e.V. in Lübeck an der Wakenitz

Der Segler-Club-Hansa in Lübeck wurde im Jahre 1898 von den 5 Lübecker Handwerkern Arnold, Koch, Kröger, Nehlsen und Zimmermann gegründet. Sie waren von der Freizeitbeschäftigung des Segelns fasziniert und das zu einer Zeit, als Segeln doch hauptsächlich den Reichen und dem Adel vorbehalten war. Die Travemünder Woche zog seit 1889 Schaulustige in ihren Bann und wurde zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Der einfache Bürger jedoch blieb weitgehend Zaungast.

Die Gründungsmitglieder des SCH hatten ihre Boote im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten und handwerklichen Fähigkeiten selber gebaut. Dabei handelte es sich weitestgehend um kleine Kielboote oder zu Segelfahrzeugen umgebaute Rettungsboote. Gesegelt wurde fast ausschließlich auf der nahegelegenen Wakenitz. Ein Bootshaus gab es zu dieser Zeit noch nicht - die Boote lagen im Sommer zunächst an Bojen in unmittelbarer Nähe der Gaststätte „Wakenitz-Bellevue“ an der Dorotheenstraße. Im Winter wurde die Veranda des Lokals zur Bootslagerhalle umfunktioniert.

Mit dem Anwachsen der Mitglieder und steigender Anzahl Boote wurde es immer dringlicher, ein Vereinsheim und geeignete Lagermöglichkeiten für den Winter zu schaffen. Deswegen wurde im Jahre 1912 der Beschluss gefasst, ein eigenes Bootshaus zu bauen. Zur Finanzierung wurden ab 1913 Anteilsscheine zu je 10 Mark verkauft und jedes Mitglied wurde per Versammlungsbeschluss dazu verpflichtet, je 3 Anteilsscheine zu zeichnen. Viel Geld zur damaligen Zeit. Die zur Finanzierung noch fehlenden 12.000 Mark wurden von einzelnen Mitgliedern vorgestreckt.

Zum Gebäude

Am 1. Mai 1914 wurde der Grundstein gelegt, am 1. August war Richtfest und schon im September 1914 wurden Messe und Bootshaus eingeweiht. Entsprechend der Bauzeichnung vom 7.2.1914 bestand das Bootshaus zunächst nur aus einem Mittelteil, der auf in den Boden gerammten Pfählen errichtet wurde. Der morastige Untergrund des Wakenitzufers erforderte eine Pfahlgründung. Außen wurde das Bootshaus mit überlappenden Brettern verkleidet. Im Erdgeschoss war der Lagerraum für die Boote, im Obergeschoss der Messeraum mit einem schmalen Balkon zum Wasser hin. Rechts und links davon war wiederum Lagerraum für Boote vorgesehen. Es gab eine Herrentoilette und eine Damentoilette. Der Raum für Tresen und Wirtschaft maß nur rund 7 qm.

Bis zum Jahre 1929 war die Anzahl der Boote so stark gewachsen, dass man Lagerflügel rechts und links anbauen musste. Erst zu diesem Zeitpunkt sah sich der Verein in der Lage, die notwendigen Materialien zu beschaffen. Der eigentliche Bau erfolgte durch Eigenarbeit und so erhielt das Bootshaus seine heutige Form. 1967 wurde eine neue, größere Küche gebaut, 1968 folgte die Modernisierung der Messe und die Verlagerung der Toiletten ins Erdgeschoss, 1975 wurde der Vorbau, der sogenannte Jugendraum, zur Wakenitz hin errichtet und im Erdgeschoss wurde eine größere Wohnung für die Wirtsleute eingebaut.

Die Messe

Die Messe war in erster Linie Versammlungsraum. Sie war aber auch Ballsaal für viele Vereinsfeste. In ihr wurden Geburtstage, Hochzeiten, Sparclubfeste, Jubiläen usw. gefeiert. Der Stammtisch sah viele Mitglieder zum Feierabendbier oder sonntäglichen Frühschoppen und am Skattisch wurden viele Runden gekloppt. Die Vertäfelung der Wände und die hölzerne Decke wurden von den Mitgliedern in Eigenarbeit hergestellt. Die Messe war mit vielen Gegenständen und Bildern geschmückt, die von Mitgliedern gestiftet waren, so z.B. ein großes Bild von den 15er Rennjollen, das vorher in der Schiffergesellschaft zu Lübeck hing. Es gab auch mal ein elektrisches Klavier und Vereinsmitglieder, die zum Tanz aufspielen konnten. Aber auch Modellboote wurden hier von der Jugendgruppe gebaut um dann auf der Wakenitz in Regatten gegeneinander anzutreten.

Die Messe wurde von vielen Wirtsleuten bewirtschaftet, lange Zeit wurde die Messe von einer 3-köpfigen Wirtschaftskommission verwaltet, die mit den jeweiligen Wirtsleuten Einnahmen und Ausgaben abrechnete.

Lagerraum

Nach der Bauzeichnung waren die Bodenräume links und rechts der Messe auch als Bootslager vorgesehen. Ob und wie viele Boote dort gelagert wurden, lässt sich nicht mehr feststellen. Weil es früher nur Holzboote gab, war der Bedarf an Lagerraum entsprechend groß. Nach den Auskünften der ältesten Mitglieder waren zeitweise bis zu sieben 20er Jollenkreuzer, fünf 15er Jollenkreuzer, sieben 20er Rennjollen, zehn 15er Rennjollen, 14 Finn, 10 O-Jollen, viele Piraten und andere Boote unterzubringen. Das bedeutete, dass alle Jollen über den Dickschiffen in bis zu 3 Lagen übereinander in die Hängen unter der Decke gehievt und untergebracht werden mussten. Hinter der Küche war ein Schrankboden, zu dem direkt eine Treppe führte, die im Herbst ausgehängt wurde, um unten Platz für Boote zu haben.

Bei so vielen Booten war die Auslagerung nicht an einem Tag möglich! Die unten liegenden mussten mindestens 14 Tage vor dem Anfahren raus, damit die Boote aus den Hängen noch bearbeitet werden konnten. Weil auch das nicht reichte, wurde 1968 ein Blechschuppen in den Maßen 9 x 21 m zur Wasserseite angebaut. Mit dem Aufkommen und der Verbreitung von Kunststoffbooten wurde dieser dann wieder entbehrlich.

Werft

Viele Vereinsmitglieder kamen aus dem Holz verarbeitenden Gewerben. Außerdem waren die finanziellen Mittel etlicher Mitglieder beschränkt, der SC Hansa war ja ein klassischer Arbeiterverein. So lag es nahe, dass auch viele Boote im Eigenbau im Bootshaus entstanden. Nach der Auslagerung wurde mit dem Bau begonnen und zur Einlagerung mussten die Boote zu mindestens lagerfähig fertig sein. Etliche Jollenkreuzer, Rennjollen und Piraten wurden so im Bootshaus von den Mitgliedern selber gebaut. Aber auch die Wochenendhäuser für den Aufbau auf Schanzenberg am Ratzeburger See wurden im Bootshaus vorgefertigt und dann nach Schanzenberg transportiert.

Wohnung

Aus der Bauzeichnung nicht ersichtlich da eventuell später eingebaut, war neben dem Eingang auf der Straßenseite ein kleiner Wohnraum, der bis in die 50er Jahre bewohnt wurde. Der 1975 erfolgte Einbau einer größeren Wohnung sollte der Gewinnung von Wirtsleuten dienen, wurde aber von diesen nur gelegentlich zum Übernachten und als zusätzlicher Lagerraum genutzt. Heute ist in der ehemaligen Wohnung eine Segelschule mit ihren Schulungsräumen ansässig.

Besatzungszone

Weil die überwiegende Zahl der Mitglieder, um es parteipolitisch auszudrücken "rot'' war, wurde das Bootshaus 1933 enteignet und von den Nazis der Eigenverwaltung des Vereins entzogen. Ab 1938 durften die SCH Mitglieder unter Naziführung das Bootshaus dann wieder nutzen. 1945 requirierten dann die Engländer das Bootshaus, das sie erst 1948 in schlechtem Zustand zurückgaben. Vielleicht erinnerte das Wort Club im Vereinsnamen die Engländer an ihre Heimat und hat sie eventuell dazu veranlasst, im Bootshaus des SCH mit den dort vorgefundenen Booten den „British Lübeck Yacht Club“ zu gründen.

Zeit bis heute

Die Reparatur des durch die Engländer stark vernachlässigten Bootshauses konnte mit viel Engagement und Eigenarbeit zum 50. Jubiläum des Vereins geschafft werden. Ab 1949 erfolgte eine zunehmende Verlagerung des Segelns zum Schanzenberg am Ratzeburger See, womit sich auch die Bedeutung des Bootshauses zu wandeln begann. Heute dient es zwar immer noch als Winterlager, vorwiegend für die noch verbliebenen Holzboote, Kunststoffboote werden überwiegend im Freien gelagert. Jedoch lässt sich mittlerweile kaum noch erahnen, welche Enge hier mal mit den vielen eingelagerten Booten geherrscht haben muss. Es ist allerdings noch immer der alte Erdboden erhalten, welcher vorzügliche Lagerbedingungen für die Holzboote gewährleistet.

Im Sommer erfolgt die Belebung des Geländes hauptsächlich durch die ansässige Segelschule. Und auch die Bedeutung der Messe im Bootshaus hat sich geändert, die Messer als Treffpunkt der in der Nachbarschaft wohnenden Mitglieder hat ausgedient. Das Freizeitverhalten hat sich über die Jahre einfach geändert. Die Wirtsleute konnten sich nicht mehr halten und so wird heute nach einer neuen Nutzung der gesucht.


Jens Heitmann, Ernst Erdmann, Steffen Thiemann